And the Oscar goes to …

Borussia Mönchengladbach zieht zum ersten Mal nach 2004 ins Halbfinale des DfB-Pokals ein. Der Sieg bei Hertha BSC Berlin nach Verlängerung, war einer der Sorte „dreckig“ und beinahe einer Spitzenmannschaft würdig, wäre die Leistung über den Großteil der 120 Minuten nicht derart schwach gewesen …http://www.nach-dem-spiel-ist-vor-dem-spiel.com/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif

Nein, es war kein Glanzstück der Borussen an diesem Abend. Der genaue Betrachter dürfte die Mannschaft von Trainer Lucien Favre kaum wiedererkannt haben. Der Abstiegskandidat Hertha BSC Berlin war im Viertelfinale vor 47.500 Zuschauern mit der Überraschungsmannschaft der Liga  auf Augenhöhe. Mehr noch. Streckenweise wussten die Hauptstädter die Gladbacher regelrecht zu kontrollieren und deren sonst so glanzvolles Offensivspiel in Schach zu halten.

Gladbachs Zentrale desolat

Dieser Umstand war allen voran Gladbachs Zentrale geschuldet. Die Doppelsechs in Person von Havard Nordtveit und Roman Neustädter war zeitweilig in keinster Weise strukturiert und beinahe nicht vorhanden. Wieder einmal. Was in der bisherigen Saison immer wieder mal zu beobachten war und letzte Woche beim Gastspiel in Wolfsburg eklatante Züge annahm, konnte in Berlin nicht mehr übersehen werden.

Mönchengladbach hat eine Baustelle in der Mittelfeldzentrale – und das nicht erst seit gestern. Was durch die bislang beinahe perfekte Saison und durch Leistungen der beiden Protagonisten weit über ihrem Maximum kaschiert wurde, wird nun auffällig, da sich jeder Gegner mittlerweile perfekt auf das System der Borussia einstellt.

Fiel bislang eher Roman Neustädter durch Fehlpassorgien bei entscheidenden Pässen (ansonsten eine Quote von knapp 85 %, Sicherheitspässe mit eingerechnet) auf, stand ihm der junge Norweger gegen Berlin in nichts nach. Auch das Stellungsspiel der beiden – absolut desaströs, da beide öfters ihren Gegenspielern hinterher laufen mussten als, als Ballverteiler in Erscheinung zu treten. Lucien Favre wird sich zum Spiel gegen Schalke wohl seine Gedanken machen, einem der beiden eine Denkpause zu verschaffen.

Das Spiel nach vorne hakt

Gladbachs Spiel nach vorne scheint allzu abhängig von der Verfassung ihres wohl wichtigsten Spielers zu sein – Marco Reus. Ein Reus in Top-Form hebt die gesamte Mannschaftsleistung, selbiger in nicht optimaler Verfassung, droht das Spiel seiner Mannschaft zu lähmen. Die Mitspieler scheinen sich allzu sehr auf die Lösungen des zukünftigen Dortmunders zu verlassen, ohne einmal selbst das Spiel an sich zu reißen. Juan Arango und Patrick Herrmann nehmen sich ebenfalls Auszeiten und zeigen sich lediglich als Mitläufer. Einzig Mike Hanke versuchte, insbesondere in Berlin, Akzente zu setzen und war beinahe überall auf dem Platz zu finden.

And the Oscar goes to…

Es war die 99. Spielminute im Berliner Olympiastadion, als der Berliner Roman Hubnik nach einem harmlosen Schubser Igor de Camargos, auf diesen, wie von der Tarantel gestochen, zu lief.  Berlins tschechischer Nationalspieler liefen nach einer eigentlich harmlosen und vor allem abgeschlossenen Situation die Drähte heiß. Zu heiß.

Hubnik gab dem Gladbacher einen Kopfstoß, einen kleinen, was den Belgier de Camargo dazu nutze, sich theatralisch fallenzulassen, als wenn ihm beinahe der Kopf abgetreten worden wäre. Die für Berlin traurige Konsequenz: Rot für Hubnik und Elfmeter für Borussia Mönchengladbach.

Man mag sich fragen, weshalb den Gladbachern trotz einer augenscheinlich abgeschlossenen Situation ein Elfmeter zugesprochen wurde. Die Regellage ist klar: Eine Tätlichkeit im Strafraum hat einen Strafstoß zur Folge. Da in der Situation zuvor, nach de Camargos Rempler, das Spiel nicht unterbrochen wurde, blieb Schiedsrichter Dr. Brych nichts anderes übrig als auf Elfmeter zu entscheiden. Hätte Brych das Spiel vorher unterbrochen, wäre die rote Karte das Maximum gewesen.

Nun wird der Spieler Igor de Camargo öffentlich an den Pranger gestellt. Der Vorwurf: Schauspielerei, unmögliche Theatralik und Unsportlichkeit. Mit Recht. Dieses Verhalten hat auf dem Platz eigentlich nichts zu suchen und sollte auch dementsprechend sanktioniert werden. Doch wo anfangen? Derartige Verhaltensweisen sind in der Bundesliga längst gang und gäbe – Massensanktionierungen in beinahe jedem Spiel wären die Folge. Selbst die Berliner Hertha, vor allem in Person Pierre-Michel Lasoggas, machte es in vielen Situationen keinen Deut besser. Theatralik pur.

Wer ist denn nun der Schuldige? Schiedsrichter Dr. Brych? Mitnichten. Für den Unparteiischen ist so eine Situation schwierig bis gar nicht zu beurteilen – er selbst wird sich am meisten dafür kritisieren, derart am Spielergebnis „mitgewirkt“ zu haben. Nein, der Schuldige in dieser Situation ist ganz alleine Roman Hubnik. Er führt die Situation herbei, er verliert die Kontrolle. Kopfstöße oder bloße Andeutungen eines Stoßes gehören ebenso wenig zum Sport, wie übermäßige Theatralik und werden mit der roten Karte bestraft. Punkt.

Ganz blöd wäre die Situation übrigens für Igor de Camargo selbst gelaufen, wenn er stehengeblieben wäre. In diesem Fall hätte der Schiedsrichter beiden Akteuren die gelbe Karte zeigen müssen. Für den bereits mit gelb vorbelasteten Belgier hätte dies einen Platzverweis, die Schwächung seines Teams und das Verpassen des Halbfinales zur Folge gehabt. Und dennoch: Zu entschuldigen ist seine theatralische Einlage mitnichten.

Ach ja, Fußball wurde auch noch gespielt. Und da gab es wirklich einen Oscar zu vergeben. Der Oscar ging an die schönste Geschichte des  Spiel, einer Geschichte die so nur der Fußball und nur der „faire“ Sport schreibt. Gladbachs linker Verteidiger Oscar Wendt wurde in der 120. Spielminute eingewechselt und erzielte nur 40 (!!!) Sekunden später das entscheidende 2:0 für seine Mannschaft.

Genau solche Geschichten schreibt nur der Sport und so geht der Oscar weder an „Schauspieler“ Igor de Camargo, noch an den „Übeltäter“ Roman Hubnik, und auch nicht an den nicht zu beneidenden Schiedsrichter Dr. Brych. Der Oscar geht an den einzigen Oscar auf dem Platz.

The Oscar goes to … Oscar Wendt – für die sportlichste Rolle des Abends.

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ gibt es auch auf Facebook – besuche uns, klicke „gefällt mir“ und sei dabei.

PS: Kennst du schon unseren kostenlosen Newsletter? »Hier« kannst du unseren kostenlosen Newsletter abonnieren.

veröffentlicht von Björn Brodermanns am 09. Februar
Diesen Artikel empfehlen:
 
Kommentieren via Facebook neu