Die Serienbrecher und der Dosenöffner

Es war das wie erwartet komplizierte und schwierige Spiel gegen den VFL Bochum. 93 Minuten lang Kampf, 93 Minuten lang anrennen und aufpassen kein Gegentor im heimischen Stadion zu kassieren. Ein Spiel das kaum Wünsche offen lässt, mit überraschend vielen Torchancen und einem verdienten Sieg für die Borussia…

 

 

Der Borussia-Park erlebte das wohl größte und emotionalste Spiel seit seiner Eröffnung. Solche Spiele wie das Relegationsspiel gegen den VFL aus Bochum sind es die den „Mythos“ Borussia ausmachten und machen. Emotionen und Atmosphäre wie sie gestern im Borussia-Park zu spüren waren, machen bei jedem Fan dieses besondere Gefühl aus. Der gestrige Abend, das erste Relegationsspiel in der Vereinshistorie, hatte gefühlt etwas von heißen Europacupnächten, hatte etwas von der guten alten Bökelbergzeit. 93 Minuten und darüber hinaus – Gänsehaut pur. Es war wie damals, damals als kleiner Junge auf dem altehrwürdigen Bökelberg – 50.000 standen, klatschten. 50.000 trieben ihren VFL immer wieder nach vorne, standen hinter ihrer Mannschaft. Ostkurve, Süd- und sogar die Haupttribüne – jeder stand zu seiner Borussia. Bedingungslos. Bis zum Ende, das ein gutes wurde.

 

 

Tief stehende Bochumer und die Suche nach dem Dosenöffner

 

 

Die von Friedhelm Funkel trainierten Bochumer standen von Beginn an tief in ihrer eigenen hälfte, dicht gestaffelt und gut organisiert. Zwei Viererketten, plus einem Halb- und einem Stoßstürmer. Bochum ließ die „Fohlen“ kommen und besann sich aufs kontern. Torchancen in der ersten Halbzeit? Für beide Teams eher Mangelware, obwohl beinahe im Minutentakt Konter rauf und runter gefahren wurden. Viel Kampf, viel Krampf und eine eher maue Vorstellung beider Mannschaften. Insbesondere das defensive Mittelfeld der Borussia, die Doppelsechser Nordtveit/Neustädter, standen mehrfach schlichtweg falsch und zu weit von den Gegenspielern entfernt. Aus den sich dadurch ergebenden Löchern konnte der VFL aus dem „Ruhrpott“ einige schnelle Konter kreieren die Borussias Abwehr samt Torhüter ter Stegen  jedoch vor wenig Probleme stellen konnten.

 

Die noch angezogene Handbremse sollte sich jedoch im Verlauf der 2. Halbzeit lösen. Die Jungs von Lucien Favre standen vor allem im defensiven Mittelfeld, auf der Position der beiden „6er“ wesentlich besser und lockten die Bochumer immer öfters aus ihrer Organisation. Konter zulassen des Konterns wegen – eine Gradwanderung die, die Borussia gestern Abend richtig gut ausspielte. Konter um Konter konnte die Elf vom Niederrhein Richtung Bochumer Gehäuse aufziehen. Ab der 60. Minute rollte Borussias Angriffsspiel immer wieder munter Richtung Torhüter Luthe. Andreas Luthe – ein Name den man sich merken sollte. Ihm alleine  hat es der VFL Bochum zu verdanken, im Rückspiel am kommenden Mittwoch, noch die Chance auf den Aufstieg zu haben. Drei, vier Großchancen konnte der junge Bochumer Schlussmann in Weltklassemanier entschärfen – Borussias Fans hatten den Torschrei bereits auf den Lippen.

 

Borussia suchte nach dem „Dosenöffner“. Borussia rannte angepeitscht von 50.000 euphorischen immer wieder an. Eine Entwicklung wie im Spiel gegen den Freiburger SC vor gut zwei Wochen. Auch da rannte der VFL immer wieder an und fand dann in der Schlussphase des Spiels den „Dosenöffner“ um die eher defensiv ausgerichteten Gäste zu knacken.

 

 

6 Sekunden „über der Zeit“ – Knack

 

 

90. Minute in Mönchengladbach. So gut wie niemand verlässt das Stadion. Gerade eben erst entschärfte Bochums Torhüter Luthe zum wiederholten Mal eine hundertprozentige Chance von Mike Hanke. Der Borussia-Park bebt, 50.000 Menschen stehen, klatschen, treiben ihre Jungs frenetisch an als der 4. Offizielle 2 Minuten Nachspielzeit bekannt gibt. 2 Minuten, 2 Minuten Hoffnung, 2 Minuten die nur einen Richtwert darstellen. Auch innerhalb dieser Richtzeit kann der Schiedsrichter abwägen und entscheiden wie lange er nachspielen lässt. 2 Minuten, die anlässlich vieler Unterbrechungen seitens der Bochumer sehr gering erscheinen.

 

92. Minute im Borussia-Park – Schiedsrichter Günter Perl, dem bis zu diesem Zeitpunkt eine mäßige Leistung zuattesttieren ist, lässt 6 Sekunden nach den vorgeschlagenen 2 Minuten einen letzten Einwurf der Mönchengladbacher in etwa der Höhe des Bochumer 16-Meterraumes ausführen. Einwurf Nordtveit, verunglückte Kopfballabwehr Dabrowski, Kopfball de Camargo – sensationell zur Seite abgewehrt von Luthe. Arango kommt an den Ball, bringt ihn in den Fünfmeterraum, Mike Hanke verstolpert, Igor de Camargo kommt an den Ball… und Toooooooooooooooooooooooooooooooooooor. Gladbach 1:0. Borussia mit einem Bein in der 1. Liga. Der Borussia-Park erlebt seine absolut emotionalsten Sekunden. Lucien Favre springt und sprintet wie nie zuvor für möglich gehalten, reckt seine Hände in den Mönchengladbacher Abendhimmel. Sämtliche Spieler samt den Ersatzleuten hängen jubelnd aufeinander, Gladbachs neue Nummer 1 Marc-André ter Stegen sprintet von seinem Tor an die Eckfahne der Bochumer Spielhälfte. Er will dabei sein, in diesem Moment, in diesen spektakulären Sekunden, in diesen so erzwungenen Sekunden des maximalen Erfolgs. Der Borussia-Park wird einmal auf links gedreht. Viele jubeln völlig losgelöst, andere können es nicht fassen oder haben Tränen in den Augen. Borussia lebt – mehr denn je.

 

Es war das erlösende 1:0. Der erste Sieg einer Gladbacher Mannschaft gegen Bochum seit 15 Jahren – Serie gebrochen. Ein 1:0 das die Tür zur 1. Liga weit aufgemacht hat. Man muss in Bochum „nur“ noch hindurchgehen. 90 Minuten Kampf, Leidenschaft und Herz und die Mannschaft wird sich und seine Fans für die grandiosen letzten Wochen belohnen.

PS: Kennst du schon unseren kostenlosen Newsletter? »Hier« kannst du unseren kostenlosen Newsletter abonnieren.

veröffentlicht von Björn Brodermanns am 20. Mai
Diesen Artikel empfehlen:
 
Kommentieren via Facebook neu