Ein Wunder(bares) Auf und Ab

Was für ein Nachmittag. Was für ein Saisonendspurt. Was für ein Wechselbad der Gefühle. Wofür man vor einigen Wochen noch kurz vor einer Einweisung in die Psychiatrie stand wurde tatsächlich Realität: Borussia sicherte sich in Hamburg den Relegationsplatz und hat nun doch noch die Chance die Klasse zu erhalten. Ein Bericht einer Achterbahnfahrt der Gefühle…

 

 

Samstag Morgen irgendwas gegen viertel nach 5 . Ich komme aus einer Diskothek getorkelt, irgendwie nicht mehr ganz fit. Die Sonne – schon wach. Die Vögel – noch wacher oder auf Red Bull. Jetzt weiß ich woher die ihre Flügel haben. Sagt mal gehts noch? Ich bekomme Kopfweh – Licht aus da oben, Schnabel halten. Endlich zu Hause angekommen fummel ich meine Kontaktlinsen aus den Augen, was gar nicht so einfach ist unter Einfluss von Alkohol. Komische Sache, dass ich noch beide Augen habe. Jetzt schnell im Facebook posten: Müde…betrunken…desillusioniert… lasst mich in Ruhe bis 15.30 Uhr. Richtig. Da war doch was. Borussia in Hamburg. Trikot an und ab ins Bett. Zum ersten Mal nach 1998 schlief ich also im Trikot mit der Raute – damals mit Erfolg.

 

14. 20 Uhr – mein Wecker klingelt. Es ertönt „die Seele brennt“ aus meinem Handy. Jawohl VAAAAUU EFFFFFF ELLLL – heute ist ein guter Tag. Denkste. Wer in drei Monaten gerade mal drei Biermixgetränke zu sich genommen hat, sollte in der Nacht nicht direkt Vollgas geben. Alter Falter – was für ein Kater. Schnelles Frühstück. Ein gesundes. Schokolade und eine Aspirin. Noch 45 Minuten bis zum großen Showdown.

Schnell in eine kalte Badewanne, die Lebensgeister wecken und „aufhübschen“

 

15:00 Uhr

 

15 Uhr im Bluesrock-Café. Hier nahm am Abend zuvor das Unheil seinen Lauf. Altbier. Schnacken. Party. Gute Laune. Und Jetzt? Schweiß. Angstschweiß. Angst noch einmal alles aus der Hand zu geben. Angst vor dem Abstieg. Und Kopfweh. Kein Alt. Stattdessen: Cola light und… eine Aspirin.

Der Laden füllt sich langsam. Komisch, sonst schauen „nur“ eine Hand voll die Spiele der Borussia im Bluesrock. Modefans? Igitt…

 

15.25 Uhr

 

Noch 5 Minuten bis zum Anpfiff. Die Situation: Der Laden völlig überfüllt mit Gladbachern, einigen Anhängern des BVB, wenigen Leverkusenern und vielen „Fans“ die scheinbar nur am letzten Spieltag Fußball gucken. Eine Leinwand, ein großer Flatscreen. Links Borussia und rechts die Sky-Konferenz. Oh mann, bin ich nervös. Was mich aber noch nervöser werden lässt sind die Bilder aus Dortmund – da gab es zu viele lachende und scheinbar sich auf die Feier freuende Spieler. Ernsthaftigkeit, Konzentration? Fehlanzeige. Nur Christoph Daum schien sich seiner Sache sicher. Mist welche Psychotricks er wohl in der Kabine angewandt hat? Egal. VAAAUUU EFFFFF ELLLLL…..

 

15.30 Uhr

 

Es geht also los. 90 Minuten Daumen drücken. 90 Minuten hoffen, bangen, mit fiebern, mit leiden. Die Anspannung weicht mit zunehmender Spielzeit einem Gefühl von: Hier geht nichts schief heute. Die Borussia spielte einen richtig guten Stiefel auf dem Platz, ohne irgendwelche „Angst-Symptome“, ohne jeden Zweifel und mit einer ganzen Menge Selbstbewusstsein. Logisch, nach den letzten Wochen.

 

15.45 Uhr

 

Diejenigen die sich für die Konferenz entschieden haben, jubeln zum ersten Mal. Tor in Hoffenheim? Dortmund? Elfmeter in Dortmund für den BVB. Ja, ja, jaaaaaaaaa. Ähm nein. Hat der BVB eigentlich diese Saison einen ihrer Strafstöße verwandeln können? Schnell in der „Kopfdatenbank“ nachschauen. Nein, bislang nicht. Glaube ich jedenfalls. Scheiß Kopfschmerzen.

 

Was ist denn da in Dortmund los? Warum dauert die Ausführung so lange? Lässt der Daum seinen Keeper vorher noch über Glasscherben laufen? Egal wer da gerade am Punkt steht – hau die Kirsche rein. Der Blick auf das Spiel in Hamburg, die Ohren nach Dortmund. Großes Raunen, große Enttäuschung rollt durch den Laden. Barrios verschießt. Super, toll, die Angst wird größer.

 

16.00 Uhr

 

Ständig fallen Tore in der Bundesliga – ohne Auswirkungen. Überall knallts, nur nicht in Dortmund, Sinzheim und Hamburg. So ein Mist. Nur ein Tor für den VFL und… nein bloß nicht träumen. Sonst trifft der HSV noch. Kann man mit seinen Gedanken Spiele steuern? Nein – aber der Aberglaube hat sich in den letzten Jahren irgendwie manifestiert. Auf gehts Jungs, schießt ein Tor für uns…

 

16:13 Uhr


Freistoß für die Borussia. Frank Rost stellt die Mauer. Meckert, scheint nicht zufrieden, meckert, schreit und meckert. Ich denke mir nur: “ Mensch Rost, da steht der Arango an der Kugel. Was hast du da schon schlimmes zu erwarten? Mauer? Daneben? Drüber? Mehr wohl kaum…“

 

Arango läuft an, schießt, Rost macht einen Schritt nach rechts. Plötzlich schlägt die Kugel im unteren linken Eck ein – Toooooooor….Tooooooooooooooor…Goooooooooool…Arangoooooooooooooool…Ich schreie, springe, balle die Fäuste. Wahnsinn. Favre du bist ein Trainergott. Meine Stimme – weg. Adrenalin – Überdosis und die Kopfschmerzen? Schlimmer denn je. Aspirin die Dritte. Danke Bayer – wer schon Meister war der klatsche in die Hand…

 

16:17 Uhr

 

Halbzeit. Führung. Klar spielbestimmend und… 15. in der Tabelle. Zum ersten Mal seit dem 8. Spieltag steht die Elf vom Niederrhein über dem Strich. Ich denke nur: “ Lieber Michael Frontzeck, unterm Strich stehen wir jetzt überm Strich. Du hast echt deinen Beruf verfehlt.“ Erstmal raus, raus in den Biergarten frische Luft schnappen. Die Luft im Cafe, sofern man diese so nennen kann, besteht nur noch aus Rauchschwaden, Schweiß – und Biergeruch sowie Euphorie. Draußen sagt doch tatsächlich ein Modefan: „Nächstes Jahr kommen wir unter die ersten 5 und spielen europäisch.“ Oh mann. Da guckt dieser Typ ein Spiel und… ach nicht aufregen. Gespräche mit versierteren Beobachtern der restlichen Spiele ergeben das Wolfsburg klar besser ist in Sinzheim und die Eintracht, in Person von „Trifftnix-Gekas“, eben einen Lattenkracher verzeichnen konnte. Die Angst kehrt zurück – trotz der Führung und einer eindrucksvollen ersten Hälfte in Hamburg. Ein Lied geht mir dennoch nicht aus dem Kopf: Dante schneid die ne Glatze, schneid dir ne Glatze für uns… in Anlehnung auf Mickie Krauses „Schatzi schenk mir ein Foto“.

 

16:30 Uhr

 

Auf gehts Gladbach kämpfen und siegen!!! Dank Lucien Favre heißt es mittlerweile: Auf gehts Gladbach spielen und siegen. Nochmal 45 Minuten so eine Vorstellung und nichts kann mehr passieren  – zumindest was Platz 16 betrifft.

 

16:36 Uhr

 

Im weiten Rund wird es unruhig. Tor in Hoffenheim. Niemand weiß wer getroffen hat. Plötzlich unfassbarer Jubel, Tränen in vielen Gesichtern – Roberto Firminho erzielt das 1:0 für die TSG. Waaaaaahhhhhhnsinn.  Gladbach nun klar vor Wolfsburg auf Platz 15. Wolfsburg trennt nur noch das bessere Torverhältnis gegenüber Frankfurt vor dem direkten Abstieg. Wäre jetzt nur schon Schluss…

 

16:38 Uhr

 

Tor in Dortmund. Ich habe es gewusst, der BVB lässt die Zügel schleifen. Sebastian Rode trifft zum 1:0 für die Daum -Truppe. Soll ich das gut finden, weil die blöde Werkself von VW damit direkt absteigen würde? Oder finde ich dieses Tor gar nicht gut, weil die Eintracht uns dadurch wieder gefährlicher wird? Ich entscheide mich für die 2. Variante, denn die Favre-Jungs sind überhaupt nicht wieder zu erkennen. Der HSV drückt, hat plötzlich mehr Spielanteile und will sich unbedingt anständig verabschieden. Borussia zittert, findet keinen Zugriff auf das Spiel. Zum wiederholten Mal an diesem Nachmittag, zum gefühlt tausendsten Mal in dieser Saison rege ich mich fürchterlich über Mo Idrissou auf. Ich gestikuliere wild, frage ob er denn schon mal was von der „sogenannten“ Abseitsregel gehört hat. Wie kann ein Spieler so oft ins Abseits laufen?! Auch ansonsten kommt viel zu wenig vom Kameruner. Junge das hier ist ein Endspiel… hast wohl zu lange Champions-League auf der PS3 gezockt. Freunde bringen mich wieder runter, warnen mich vor einer Unterlassungsklage Idrissous – Kollege Matmour lässt grüßen.

 

16:47 Uhr

 

In meinem Kopf, jetzt ohne Kopfschmerzen, gehe ich verschiedene Szenarien durch. Mehrere Artikel sind im Kopf praktisch schon geschrieben. Ein Tattoo-Termin bezüglich der Raute auf meiner Epidermis schon in Planung. Plötzlich werden meine Gedanken von Enttäuschten „Scheiße-Rufen“ unterbrochen. Wolfsburgs Mandzukic erzielte den Ausgleich für die Wölfe. Na toll, wieder 16. und Borussia spielt plötzlich wie ein Absteiger – ohne Leidenschaft, ohne unbedingten Willen und ohne Ordnung. Die Spieler wissen von Frankfurts Führung. Die Angst lähmt. Kämpfen Borussia!

 

16.55 Uhr

 

Lucien Favre und ich scheinen den selben Gedanken zu haben, die selben Fehler zu sehen. Wir beide gestikulieren wild. Favre wird laut, sehr laut, ich schreie zeitgleich diverse Spieler an – wohl wissend das sie mich nicht hören. Jungs, lasst euch das doch nicht mehr nehmen. Gebt Gas, bringt Ordnung in euer Spiel, kontert sie aus. Favre scheint ähnliche Instruktionen zu geben.

 

16.59 Uhr

 

Ein entscheidender Moment im Abstiegskrimi. Eine knappe halbe Stunde bettelte der VFL um den Ausgleich und nun war es geschehen. 1:1. Plötzlich 17. der Tabelle. Direkter Abstieg und nur noch 15 Minuten zu spielen. Geschrei überall, ein Ohr signalisierte mir: Tor in Dortmund. 0:2 ? Das würde zu dieser Saison passen. Jubel – Barrios erziele das 1:1 für die Dortmunder. Jaaaaaaa, jaaaaaaaaaaaaaaa, yesssssssss Baby. Auch Wolfsburg traf in dieser Minute zum 1:2 in Sinzheim. Rechnen – alles wieder auf Anfang. Wolfsburg auf 15, Borussia 16. und Frankfurt direkter Absteiger.

 

17:00 Uhr

 

Jetzt reichts. Dieser Modefan geht gar nicht. Mit Aussagen wie:“ Ihr könnt gar nichts…Absteiger… und klarer Fehler von ter Stegen – Bailly hätte den gehabt“, bringt mich dieser Kerl völlig aus der Fassung. Ein nicht sehr nettes Gespräch folgte. Borussia steigt nicht ab. Auch ich habe den VFL in dieser Saison bereits frühzeitig beerdigt. Zu früh. Aber diese Truppe unter Fravre hat es einfach nicht verdient abzusteigen und zeigt obendrein noch richtig guten Fußball, trotz dieser ständigen Drucksituation. Chapeau Herr Favre – egal wie die Sache ausgeht, das war ein Meisterstück. Ihr Meisterstück. Nehmen Sie sich einen Zettel, schreiben Sie Wunschgehalt und Vertragslaufzeit drauf… Sie sind das Beste was Borussia seit vielen Jahren passiert ist. Ihre Vorstellung vom Fußball ist die, die Borussia zu besseren Zeiten bringen kann – hoffentlich wird man Ihnen vertrauen und Sie machen lassen.

 

17.03 Uhr

 

Tooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooor in Dortmund. 2:1 für den BVB durch ein Eigentor von Marco Russ. Jaaaaaa….. das muss es doch sein. Oder? Denkste. Der HSV ist noch immer die bessere Mannschaft, ist näher am 2:1 als die Borussia. Es gibt kaum noch Entlastung. WENN Eintracht Frankfurt noch das 2:2 gelingt und der VFL noch eins kassiert, dann…dann…

 

Mein neuer „Freund“, der Modefan, setzt dem ganzen noch ein Krönchen auf, fordert lautstark Karim Matmour. Leser dieses Blogs werden wissen welche „Beziehung“ Matmour und ich pflegen, beste Freunde werden wir wohl nicht mehr. In meinem Leichtsinn habe ich nun versprochen Matmour zum Essen einzuladen  – wenn er uns denn zum Klassenerhalt schießen sollte. Das Geld kann ich mir sparen, denn eher…eher… nein lassen wir das – Karims Anwalt liest vielleicht mit.

 

17.12 Uhr

 

Der VFL Wolfsburg, dem zwischenzeitlich das 3:1 gelang, ist durch. Borussia bleibt „nur“ Platz 16, muss aber weiter zittern. Ein Tor von Hamburg und ein Ausgleich in Dortmund – der VFL würde zum 3. Mal absteigen.

 

Elfmeter in Dortmund. Nee oder? Frankfurt? Die Chance zum 2:2? Nein, Elfmeter für den BVB. Jaaaaaa, das muss es doch sein. Ähm – der Meister und seine Elfmeter. Wenig meisterlich. Auch diesen, letzten in der Saison konnten die Dortmunder nicht verwehrten. Fährmann hält gegen BVB-Legende Dede. Kann doch nicht, so eine Sch**ße. Die rote Karte für den Frankfurter Titsch-Rivero, der nur eine Minute (!!!) zuvor eingewechselt wurde, stimmt dennoch leicht positiv. VFL,VFL,VFL.

 

17.22 Uhr

 

Barrios macht den Deckel drauf, erzielt das 3:1 für den BVB. Das Spiel in Hamburg ist bereits vorbei – 1:1. Nun ist klar, Borussia lebt, Borussia hat die Relegation erreicht. Kurze Enttäuschung über den Sieg der Wölfe weicht einem Glücksgefühl, einem Gefühl der Erleichterung. Der Relegationsplatz ist ein Wunder, erst recht nach 10 Punkten in der Hinrunde und einer völlig desolaten Mannschaft. Was Lucien Favre seit dem 22. Spieltag mit dieser Mannschaft erreicht hat ist sensationell. Was wenn man ihn nach dem 17. Spieltag geholt hätte? Dann hätte ich heute, hätten wir liebe Mitborussen und Borussinnen nicht zittern müssen. Wir hätten ganz relaxt die Saison ausklingen lassen und uns auf die kommende freuen können. Und das mit einer gewissen Euphorie…

 

2 Entscheidungsspiele – die Relegation

 

Nun ist das Wunder Relegationsplatz wahr geworden. Mehrmals war die Borussia tot, quasi abgestiegen. Dieser Endspurt war unglaublich und wird hoffentlich gegen Bochum oder Fürth ein verdientes und erfolgreiches Ende finden. Der Borussia-Park wird beben, die Stimmung unübertroffen. Der „Park“ wird wohl sein größtes Spiel erleben. Auf gehts Jungs, kämpft, spielt und rennt für den Klassenerhalt – ihr habt es euch verdient…

 

 

 

 

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 15. Mai
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