Favre: „Hier sind alle krank, nur ich bin gesund“

Borussia erreicht Platz vier und ein ganzer Verein feiert sich selbst. Nur einer wollte da nicht so ganz mitmischen – Lucien Favre. Der Schweizer war nach Abpfiff grantig, wirkte für seine Verhältnisse geradezu überreizt. Direkt nach dem Spiel stapfte der Erfolgstrainer wortlos in die Kabine und musste dort erst einmal runter kommen…

„Das mache ich immer so und habe es immer so gemacht. Sowohl in Zürich als auch in Berlin. Das Feiern mit den Fans sollte den Spielern vorbehalten sein“, sagte Lucien Favre den Journalisten, nachdem er dann doch noch vom Feiern mit den Fans den Weg zurück in die Katakomben des Borussia-Parks fand. Pressesprecher Markus Aretz musste den Trainer zuvor überreden sich von der Gladbacher Anhängerschaft feiern zu lassen.

Doch der Grund seines Wortkargen Abgangs in die Kabine war wohl ein anderer. Der Schweizer war sauer. „57 Punkte sind gut, das ist klar. Aber das heute gegen Augsburg war zu wenig. Zu wenig Bewegung, zu wenig Durchschlagskraft. Dazu haben wir zu viele technische Fehler gemacht. Ich bin enttäuscht.“ 

Bei der Frage, ob er mit Platz vier zufrieden sei oder gegen Augsburg zwei Punkte verloren wurden, platzte es aus dem Schweizer heraus. „Hier sind alle total krank. Nur ich bin gesund. Hier übertreiben alle.“ Mit den „Kranken“ meinte er die fragenden Journalisten als auch die, vor allem nach dem Spiel, pfeifenden Fans. „Sie alle übertreiben“, grantelte der Coach. Lucien Favre echauffierte sich weiter: „Niemand sollte vergessen, wo Gladbach vor 12 bis 14 Monaten war. Ich denke viele haben das total vergessen.“ 

Favre zeigte sich zufrieden ob der gezeigten Leistungen in der nun ablaufenden Saison: „Das Saisonergebnis ist klar verdient, denn wir haben gut verteidigt und einige gute Spiele gezeigt. Das hat mir gefallen“. Doch der Schweizer zeigte sich auch wenig überrascht ob der vielen unnötigen Punktverluste und dem damit verbundenen Verpassen des dritten Tabellenplatzes: „Die drei Mannschaften über uns sind klar besser – das muss man sagen. Bei uns fehlen einige Details“.

Was folgte war eine taktische Lehrstunde des Romands. Vor allem bei defensiv stehenden Gegnern weiß sich seine Mannschaft seiner Meinung nach nicht ausreichend zu helfen. Hier mangelt es dem Coach an schnellen Bewegungen, am beidfüßigen Spiel bereits bei der Ballannahme sowie technischen Möglichkeiten.

„Mehr ist mit dieser Mannschaft nicht zu erreichen. Das muss man ganz klar sagen“, erklärte der Schweizer außergewöhnlich deutlich.  Die dritte Phase der Entwicklung seiner Elf stagniere derzeit und sei im momentanen Gebilde auch nicht erreichbar. Gemeint ist das effiziente Offensivspiel der Borussia, nun da es dem Schweizer gelungen ist die Borussia im Spiel auf weit über 60 Ballbesitz zu bringen. „Mehr als 60 Prozent Ballbesitz bei den meisten Gegnern ist schon ein Wunder. Mehr ist nicht möglich mit dieser Mannschaft.“, unterstrich Favre noch einmal.

Man wird das Gefühl nicht los, das es hinter den Kulissen derzeit ordentlich rappelt. Der Schweizer fordert „Typen, die man braucht für die dritte Phase der Entwicklung“. Bislang konnte er lediglich dabei zusehen, wie ihm solche Typen für die kommende Spielzeit genommen wurden.

Zu kommenden Neuverpflichtungen schwieg Max Eberl indes, weit auf der anderen Seite des Raumes: „Wir sind mit mehreren Kandidaten in aussichtsreichen Gesprächen, aber es gibt noch nichts zu verkünden“. Kein Wort zu Granit Xhaka. Kein Wort zu irgendwem. Lediglich „eigene“ Personalien scheinen derzeit akut. So verriet der Sportdirektor, dass der derzeit verliehene Lukas Rupp den Weg zurück in den Borussia-Park finden wird: „Wir wollen den Kader ja auch ein bisschen breiter machen. Ich denke, er hat eine sehr positive Entwicklung in Paderborn genommen und hat dort richtig gute Partien abgeliefert und sich festgespielt. Genau das, was wir uns von dieser Leihe erwünscht hatten. Jetzt kommt er im Sommer zurück und wird hier um seinen Platz kämpfen“.

Hört er die "Krankheitsdiagnosen" seines Trainers? Favre sieht sein Team über dem Maximum

Es gibt also derzeit mehr Frage als Ausrufezeichen rund um die Borussia. Selbst auf die Frage, was Lucien Favre in der kommenden Saison machen werde, gab es vom Schweizer keine zufriedenstellende Antwort: „Ich plane nur bis zum nächsten Spiel. Meine ganze Konzentration gilt dem Spiel am kommenden Wochenende. Dort wollen wir unbedingt einen oder am besten drei Punkte erreichen.“

Kein Wort über die kommende Saison. Auch nicht jetzt, wo es für den VfL um nichts mehr geht. Es dürfte ein heißer Sommer werden für die Verantwortlichen – mit hoffentlich starken Antworten und einem „gesunden“ Sportdirektor Eberl, der auf die „Krankheitsdiagnosen“ seines Trainers hört.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 29. April
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