Gastartikel: Die Seele brennt und das Herz blutet

Stefan van Eickels aus Krefeld hat für die Leser von „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ seine Gefühle der vergangenen Tage zusammengefasst und daraus einen Gastbeitrag erstellt. Für den Inhalt ist ausschließlich Stefan verantwortlich…

Tag 1 nach dem Bekanntwerden des Wechsels von Marco Reus zum BVB: Ich bin immer noch sehr unentspannt, verbringe soviel Zeit im Internet wie lange nicht mehr, lese jeden Bericht, kommentiere ohne Ende, lasse mir viel Häme gefallen und bin not amused!

Was ist passiert? Für einen 36-jährigen, bodenständigen, zweifachen Familienvater eigentlich gar nichts. Die Kinder sind zum Glück mal gesund, unser kleines Häuschen hat keinen Schaden vom Sturm Andrea genommen, keine neuen Rechnungen im Briefkasten, der Arbeitstag war in Ordnung und die Ehefrau ist auch rundum entspannt.

Aber das Herz blutet und ich bin bitter enttäuscht. Enttäuscht – in erster Linie von mir selbst. Wie kann es sein, dass ich als 36jähriger, seit 30 Jahren treuer Fan, von einem im heutigen Fußballgeschäft völlig normalen Vorgang derart überfahren werde?

Ganz einfach, ich hab daran geglaubt. Ich habe daran geglaubt, dass es möglich ist, dass es auch in der heutigen Fußballwelt anders laufen kann. Ich habe wirklich dran geglaubt, dass es einem jungen Spieler wie Marco Reus wichtig sein würd eine Galionsfigur in meinem Verein zu werden. Dass er etwas mit aufbaut, DAS Aushängeschild meines Vereins wird und irgendwann in einem Atemzug mit Netzer, Simonsen, Effenberg und Co genannt wird.

Ich versuche mir immer vorzustellen was solche Jungs gedacht haben, als sie anfingen, gegen die Murmel zu treten. Welche Ziele und Helden hatten sie? Was kann es denn Schöneres geben, als in einem Traditionsverein der Star zu sein? Das komplette Spiel ist auf mich zugeschnitten, die Fans liegen mir zu Füßen, ich habe einen Toptrainer, bin der Spitzenverdiener im gesamten Verein, habe jetzt bereits ausgesorgt und einen langfristigen persönlichen Werbevertrag – mit Mitte 20.

Dazu bin ich auf dem Sprung, ein fester Bestandteil der Nationalmannschaft zu werden und keiner würde es mir übelnehmen, wenn ich meine Weltkarriere in ein bis zwei  Jahren bei einem wirklichen Top-Klub im Ausland fortführen würde.

Tja, scheinbar alles Träumerei und völlig realitätsfern. Für Fußballromantik ist die Zeit vorbei. Wer von allen Bundesligaprofis spielt heutzutage noch in einer Linie für seinen Verein, weil er das Trikot oder das Wappen liebt? Keiner. Es gibt stattdessen leider gut durchdachte Karrierepläne, die von teilweise guten Beratern gemacht werden – mit dem einzigen Ziel, das der Spieler viele Titel und noch mehr Kohle und Werbeverträge reinholt.

Glauben die Dortmunder im Ernst, Marco Reus hätte aus Liebe zum Klub dort unterschrieben? Wieso unterschreibt er dann für 5 Jahre und lässt sich gleichzeitig wieder eine Ausstiegsklausel, diesmal für 30 Millionen einbauen? Ganz einfach, der Plan wird sein, mit Stammplatzgarantie in der Meisterschaft oben mitzuspielen, sich in der Champions-League europaweit zu zeigen, sich in der Nationalmannschaft fest zuspielen, um dann nach der WM 2014 zu einem richtigen Top-Klub zu wechseln.

Schade Marco, ich denke das wäre in Mönchengladbach, wenn auch anders, ebenfalls möglich gewesen. Auf diesem Wege wünsche ich Dir ernsthaft alles Gute und viel Erfolg. Ich bedanke mich für die tollen Spiele und Mega-Tore und auch dafür, dass du dafür gesorgt hast, dass ein alter Mann noch mal in Fußballträumerei verfällt.

Ich bin mir 100% sicher, dass du dir bis zum letzten Spiel mit der Raute auf der Brust den Hintern aufreißen wirst. Persönlich hoffe ich, dass du in deinen letzten Spielen für uns die volle Unterstützung erfährst – denn was teilweise jetzt schon Negatives online zu lesen war, geht gar nicht.

Ach ja, und ich bin der Erste, der sich ein Reus-Trikot kauft, solltest du 2014 oder später zu einem vernünftigen Verein (Arsenal, Liverpool, Barca, usw.) wechseln.  So, jetzt geht’s mir besser. Personenkult, Fußballromantik ade – ich freue mich auf eine geile Rückrunde und hoffe Marco Reus in Berlin mit dem Pokal in der Hand weinend vor der Kurve stehen zu sehen.

Und noch etwas: Danke Roman Neu …äh Geldstädter…danke das du noch mal bestätigt hast, das es noch viel schlechter geht.  3 Jahre in MG unter Vertrag, seit Favre gesetzt, gefördert und stabilisiert. Jetzt auf einmal zu Höherem berufen. Wie gesagt, es gibt gute und schlechte Berater und ein wenig realistische Selbsteinschätzung ist auch nicht verkehrt.

Ich Würde dir raten, dir einfach ein selbstauferlegtes Interviewverbot zu erteilen, denn mit Sätzen wie „Wechsel aus rein sportlichen Gründen“ tust du dir keinen Gefallen. Dennoch wünsche dir auch alles Gute und einen gut bezahlten Bankplatz – egal wo.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 06. Januar
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