Gladbach zurück in Europa – ein nicht enden wollendes Märchen

Borussia ist zurück in Europa. Grund genug in alten Erinnerungen zu schwelgen und sich auf das zu freuen, was vor dem VfL liegt. Die HS-Woche wird dazu morgen eine Sonderseite veröffentlichen. U.a. wird folgender Artikel in der Printausgabe sowie auf www.HS-Woche.de als E-Paper zu lesen sein…

Es war der 29. Oktober 1996. Gerade 13 war ich, als ich als kleiner Junge vor dem Fernseher saß und der AS Monaco die Borussia aus Mönchengladbach zu Gast hatte. Im Röhrenbildschirm flimmerten Bilder vom Europapokalabend im ehrwürdigen Stade Louis II. 14 Tage zuvor hatten die „Fohlen“ ihr Heimspiel gegen Ikpeba, Barthez, Henry und Co. mit 2:4 verloren und mussten eine Leistung abrufen, wie sie es zuvor in der ersten Runde des UEFA-Cups gegen die Gunners vollbracht hatten, als man den FC Arsenal aus London sowohl zu Hause als auch im legendären „Highbury“ jeweils mit 3:2 niederringen konnte. Grund genug, für mich eine Kerze anzuzünden – immerhin musste der VfL auf „Tiger“ Stefan Effenberg verzichten.

Borussia gegen Arsenal. Borussia gegen Monaco. Das war die ganz große Fußballbühne. Das waren große Europapokalnächte, Leidenschaft und Emotionen pur. Die Mannschaft von Trainer Bernd Krauss spielte und fightete, als ginge es um ihr Leben. Am Ende reichte es trotz starker Leistung „nur“ zu einem 1:0 Sieg bei den Monegassen. Leider zu wenig für den Einzug ins Achtelfinale. Es sollte das letzte Spiel der Borussia im Europapokal werden. Für eine lange Zeit.

16 Jahre ist das nun bald her. 16 (!!!) Jahre der Abstinenz, des Niedergangs, der Abstiege und des grauen Mittelmaßes. Nun kehrt der Mythos zurück. Zurück auf die große Bühne Europa.  Borussia Mönchengladbach ist wieder wer – der schlafende Riese scheint erwacht. Erwacht aus einem schier unaufhörlichen „Dornröschenschlaf.“  Riesen, Dornröschen. Ja, Gladbachs „Aufstieg“ des letzten Jahres hat etwas märchenhaftes. Es ist ein modernes Fußballmärchen. Nicht eines der Gebrüder Grimm oder Hans Christian Andersen, sondern das des Lucien Favre.

Vom sicheren Absteiger zur Champions-League?

Es war einmal … so beginnen die meisten Märchen. Also war es einmal der 14.Mai 2011 – der letzte Spieltag der Saison 2010/2011. Mitte der 2. Halbzeit. Borussia Mönchengladbach war, wie es Coach Lucien Favre immer wieder zu sagen pflegt „tot“. Mausetot. Die Borussia war trotz einer unglaublichen Aufholjagd in den letzten Monaten abgestiegen.

Am Ende des Spiels in der Hamburger Arena stand jedoch ein Erfolg. Der Relegationsplatz. Tage darauf folgte der große Höhepunkt. Die Borussia behielt in spannenden und nervenaufreibenden 180 Relegationsminuten gegen den VfL Bochum die Oberhand und hielt die Klasse. Das Wunder in diesem Märchen war vollbracht. „Und wenn sie nicht gestorben sind, so spielen sie noch heute.“

Jawohl sie spielen noch. Und wie. Sie spielen märchenhaft. Teilweise in ungeahnten Sphären. Borussia Barcelona nennt man sie gar – die Helden aus dem Favre-Märchen. Die neuen Helden spielen die beste Saison seit 17 Jahren. Seit dem Gewinn des DfB-Pokals 1995 gab es nie größere Helden. Niemals schönere Märchen. Das Märchen endet in wenigen Wochen erneut. Vorerst. Die Worte dürften sein: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie noch heute“  – im Europapokal.  In den verbleibenden zwei Partien ist sogar noch der ganz, ganz große Wurf drin. Die Champions-League. Lediglich zwei Punkte ist man von Schalke 04 und dem direkten Einzug in die Liga der Besten entfernt. Mit zwei Siegen könnte man tatsächlich noch der komplizierten Qualifikationsrunde entgehen.

“These are the champions
Die Meister
Die Besten
Les grandes equipes
The champions”

Derbysieger - der Titel für "zwischendurch" ist fest in Borussen-Hand (Fotos: jdp-fotos.com)

Sollte man diese Hymne tatsächlich im kommenden Sommer im Borussia-Park zu hören bekommen? Es wäre ein Traum. Der Traum vieler hunderttausender Gladbach-Fans in ganz Deutschland. 16 Jahre nach dem letzten Auftritt in Monaco. 16 Jahre des Leidens. 16 Jahre der Schmach.  Was hatte man denn in den 16 Jahren? Man hatte die Erinnerungen. Man spürte den Stolz und den Mythos , wenn man denn alt genug war. Und man hatte die Erfolge gegen den großen rheinischen Rivalen. Derbysieger zu sein, war der einzige Halt in den vergangenen Jahren.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der beste Club im Rheinland?“ Eine Frage, die man sich in Köln nie ernsthaft stellen konnte. Und so lebt man in Mönchengladbach das moderne Fußballmärchen unter Lucien Favre weiter, während man in Köln noch an ganz andere Märchen glaubt. An die des Derbysiegens zum Beispiel oder irgendetwas mit Nichtabstieg. Jeder Jeck ist halt anders. Borussia ist Europa. Wieder. Endlich.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 24. April
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