Hochgeschwindigkeitsfußball und eine perfekte Defensive: Borussia erfüllt den Traum von Europa

Was war das für eine Bundesligasaison 2011/2012. Die Bayern wurden tabellarisch deklassiert, der FC aus Köln stieg ab und wurde von den eigenen „Fans“ symbolisch beerdigt. Und die Borussia? Die machte sich auf zu neuen „alten“ Tugenden. Die Fohlen machten ihrem Namen alle Ehre, in dem Sie Angriffsfußball par excellence boten und die Spielzeit mit dem besten Ergebnis seit 16 Jahren abschlossen…

Zurück in Europa

Nein, an das europäische Geschäft wird wohl niemand in Gladbachs Umfeld auch nur im geringsten gedacht haben. Nicht nach den vergangenen Jahren und vor allem nicht nach dem Wunder „Nichtabstieg“ in der vorangegangenen Spielzeit, als man sich erst durch die Relegation kämpfen musste.

Doch es kam für alle Beteiligten überraschend genau so. Ja, Borussia Mönchengladbach war die Überraschungsmannschaft der kürzlich abgelaufenen Saison. Mit einer der besten Defensiven Europas im Rücken und einer unglaublichen fußballerischen Geschwindigkeit spielte die Mannschaft von Trainer Lucien Favre so manchen Gegner mehr als schwindelig.

Die Gründe für diese derart positive Spielzeit sind schnell gefunden. Der Anfang der Geschichte liegt im Wunder des Nichtabstiegs der vorangegangenen „Horrorsaison“. Unter Favres Leitung fand die Mannschaft zu einem unglaublichen Mannschaftsgeist. Zudem nahm man sich des Schweizers Worte „wir blicken von Spiel zu Spiel“ derart zu Herzen, dass das Team tatsächlich vor jedem Spiel das Gefühl hatte, wirklich großartiges leisten zu können.

Borussias Erfolg hat somit viele Namen. Elf Freunde sollt ihr sein – dennoch muss man am Ende der Spielzeit Namen herauspicken, deren Leistungen hervorstachen und den übrigen Kader zu Höchstleistungen animierten.

Marco Reus – die Rakete

War der Spieler der Saison und machte den Unterschied - Marco Reus (©jdp-fotos.com)

Selten hatte die Borussia einen so herausragenden Akteur in ihren Reihen wie Marco Reus. Er machte in dieser Spielzeit den Unterschied zwischen „gut“ und „herausragend“. Wenn der 22-Jährige den Ball hatte, lag das Besondere in der Luft. Blitzschnelle Aktionen, feine Pässe, hervorragende Torabschlüsse – eben echte „Sahne-Momente“, die teilweise schon alleine das Eintrittsgeld wert waren.

Marco Reus Superstar. In Mönchengladbach ist er zu einem herangewachsen. Zu einem Ballzauberer mit der entsprechenden Effizienz eines unersetzbaren Teamplayers, der seine Mitspieler mit seinem Spielwitz ansteckt. 21 Tore und 14 Torvorlagen in 37 Pflichtspielen sprechen da eine klare Sprache.

Marc-André ter Stegen – der Mann, für den neue Worte gefunden werden müssen

Mini-Titan, Mini-van der Saar – es gibt einige Spitznamen für den jungen Keeper. Namen, die ihn seinen eigenen Aussagen nach durchaus ehren. Dennoch wird der 19-Jährige nicht müde zu erklären, das er mit keinem der Protagonisten verglichen werden will und schon gar nicht vergleichbar ist. Recht hat er. Ter Stegen ist ein ganz eigener Typ. Ein Typ, der unglaublich wichtig ist für sein Team.

Marc-André ter Stegen hat einem Oliver Kahn im vergleichbaren Alter beispielsweise eine Menge voraus. Diese Ruhe, diese Antizipation und eine Strafraumbeherrschung, wie sie ein Kahn niemals hatte – der Gladbacher ist eine Ausnahmeerscheinung. In Sachen Mitspiel hat ter Stegen in der abgelaufenen Saison neue Maßstäbe gesetzt.

Kein anderer Torhüter in Europa interpretiert seine Rolle derart offensiv und mitspielend. Seine Nominierung in den vorläufigen EM-Kader der Nationalmannschaft ist daher wenig überraschend. Eher ist es eine logische Konsequenz dessen, was ter Stegen in den vergangenen Monaten geleistet hat.

Mike Hanke – der unermüdliche Kämpfer

Teamplayer Mike Hanke, Rakete-Reus und Hurrikan Juan Arango (©jdp-fotos.com)

Was wurde nicht alles geredet und geschrieben, als der ehemalige Nationalspieler in der Winterpause der Saison 2010/2011 von Hannover 96 an den Niederrhein wechselte. Chancentod, arroganter Schnösel, Söldner – nur ein harmloser Auszug der gefallenen Worte. Alles Vorurteile wie sich in Mönchengladbach schnell herausstellen sollte. Heute ist Mike Hanke Publikumsliebling, Sympathieträger und der gesamten Elf vom Niederrhein ein Vorbild in Sachen Einstellung und Kampf. Borussias „Neuneinhalber“ gibt keinen Ball verloren, kämpft bis zur körperlichen Erschöpfung und gilt als der „Torvorvorbereiter“ schlechthin.

Für den ehemaligen Hannoveraner müsste man eigens diese Statistik offiziell einführen. Wir lautet ein weiser Satz: „Nur Tore zählen nur die Tore“. Dass Hanke das Toreschießen nicht völlig verlernt hat, zeigte er dennoch im Verlauf der Saison eindrucksvoll. Am Ende gelangen ihm 8 Treffer in 31 Ligapartien. Gladbachs Stürmer, der beinahe noch auf den EM-Zug aufsprang, ist in seiner aktuellen Verfassung ein unglaublich wichtiger Bestandteil der Mannschaft – auf und neben dem Platz.

Juan Arango – der heimliche Spielmacher

Vom Hurrikan der Karibik zum schnöden Tiefausläufer und wieder zurück – Juan Arango scheint endgültig angekommen zu sein. Rund um den Borussia-Park pfeift wieder ein ordentlicher Wind. Der Kapitän der Nationalmannschaft Venezuelas ist zu Gladbachs heimlichem Spielmacher und einem echten Hurrikan gereift. So stand der 31-Jährige in allen 34 Ligaspielen in der Startformation. Dabei brachte er es auf 15 Torvorlagen und 6 eigene Treffer. Zudem initiierte der Venezolaner immer wieder gefährliche Situationen und nahm dabei erfreulicherweise oft das Heft in die Hand.

Ein Arango in dieser Verfassung kann für die Borussia auch in Europa noch sehr, sehr wichtig werden. Nach dem Weggang von Marco Reus täte der Venezolaner gut daran vom heimlichen, zum offiziellen Spielmacher zu mutieren.

Borussias Abwehr

Die zweitbeste Abwehr der Liga hinter Bayern München und eine der besten Europas – Gladbachs Defensive stand geradezu perfekt. Hier einen einzelnen Akteur herauszupicken wäre vermessen. Gerade in der Innenverteidigung, in der ein gewisser Dante längst nicht so derart herausragend agierte wie von vielen Medien hochstilisiert, zeigten sowohl Martin Stranzl als auch Roel Brouwers, zu was sie fähig sind.

Auf den beiden Außenpositionen spielten beide Protagonisten ebenfalls teils herausragende Saison. Während Tony Jantschke auf der rechten Seite beinahe erwartungsgemäß den nächsten Schritt in seiner Entwicklung ging, überraschte Kapitän Filip Daems sämtliche Beobachter und Verantwortliche mit einem zweiten Frühling. Ach was Frühling – Sommer. Der 33-Jährige spielte die wohl beste Spielzeit seiner Karriere. Man darf gespannt sein, ob der Belgier diese Leistung für die kommende Saison konservieren kann.

Borussias bester Coach seit dem legendären Hennes Weisweiler - Lucien Favre (©jdp-fotos.com)

„Lieblingsschüler“ Marco Reus sagte letzte Woche über den Schweizer: „Er ist ein sensationeller Trainer. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken und bin froh, dass ich unter ihm trainieren durfte. Als er letztes Jahr kam, ging gar nichts – er hat uns neue, positive Energie gegeben.“ Eine Aussage des Nationalspielers, die eine Menge über den Coach aussagt.

Man könnte viele, viele Zeilen über Lucien Favre füllen. Darüber, wie er arbeitet, worauf er achtet oder darüber was ihm wichtig ist. Allesamt Dinge, die mittlerweile jedem Beobachter klar sein dürften. Deshalb sei kurz gesagt: Lucien Favre ist nach Hennes Weisweiler der beste Coach der Borussia. Seine Art zu arbeiten passt zum VFL wie die viel zitierte Faust aufs Auge.

Sportdirektor Max Eberl täte gut daran dem Romand sämtliche Wünsche von den Lippen abzulesen, um ihn davon überzeugen zu können, mit dem Verein langfristig etwas aufzubauen. Lucien Favre verlängert bis 2015 – dies wäre die wohl wichtigste Schlagzeile für die Borussia seit Jahrzehnten.

Ausblick in die Zukunft mit vielen Fragezeichen

Wer ersetzt Marco Reus? Wer kommt als Ersatz für Dante zur Borussia? Und vor allem: Was macht Lucien Favre? Fragen, die in den kommenden Wochen bis zum Trainingsauftakt unbedingt beantwortet werden sein sollten. Zumindest in Sachen Favre scheint die Antwort zumindest in Teilen klar. Der Coach wird wohl auch in der kommenden Spielzeit die Geschicke der Elf vom Niederrhein leiten.

Borussias Fans dürfen sich auf Europa freuen (©jdp-fotos.com)

So wird es wohl, fernab von sämtlichen Kaderfragen, eine interessante Spielzeit. Für die Fans der Borussia heißt es nach gefühlten 20 Jahren endlich mal wieder: „ Europapokal…Europapokal…“ – ob dies in der Europa- oder gar in der Champions-League sein wird, wird ebenfalls die nahe Zukunft zeigen. Am 10. August wird der erste europäische Pflichtspielgegner für den VFL seit dem 29.10.1996 ausgelost. Damals verließ die Borussia das europäische Parkett mit einem 1:0 Sieg beim AS Monaco.

Es ist also Zeit neue Geschichte zu schreiben. Der Startschuss für Europa ist am 21/22. August. Die Champions-League-Quali ruft, ehe dann am darauffolgenden Wochenende die 50. Bundesligasaison startet.

Dieser Artikel wird ebenfalls auf Mein-Gladbach.com veröffentlicht. Fans der Borussia sollten in jedem Fall mal dort vorbeischauen. „Mein Gladbach“ bietet sämtliche Infos rund um die Vitusstadt am Niederrhein. Schreiber Torsten Trautmann freut sich sicherlich auf viele Leser und ein „gefällt mir“ auf der Mein-Gladbach-Facebookseite.

 

 

 

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 13. Mai
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