Limit erreicht: Es gilt der Blick nach hinten und die Suche nach den verlorenen 15 Prozent

Was sich seit einigen Wochen angekündigt hatte und noch als Zwischentief deklariert wurde, nimmt nun klarere Formen an. Die Überraschungsmannschaft der Bundesliga ist müde – vor allem mental. Aufgrund der Ereignisse des vergangenen Jahres kommt dies nicht überraschend, eher ist es ein natürlicher Prozess. Ein Prozess, den es irgendwie für die letzten Wochen der Saison noch einzudämmen gilt …

Was prasselte nicht alles auf diese Mannschaft ein im vergangenen Jahr: Abstiegshölle über Monate, die Rettung in buchstäblich letzter Sekunde über die Relegation, der Aufstieg zur Überraschungsmannschaft, ja sogar zur Spitzenmannschaft. Die Gladbacher Borussia hatte kaum Zeit den Beinahe-Abstieg zu verarbeiten, da war sie schon an der Spitze der Tabelle.

„Verdient, das ist klar“, würde Lucien Favre in seiner Wortwahl sagen. Und er hätte Recht. Seine Mannschaft hat sich diesen Status Spitzenmannschaft oder besser gesagt Überraschungsmannschaft verdient. Mit guten Leistungen und einer unglaublichen Konstanz. Dennoch muss man sich in Mönchengladbach auch eingestehen, dass man seit knapp einem Jahr am Maximum agiert. Am Maximum und weit darüber hinaus.

Gladbachs von Trainer Lucien Favre so grandios heraus gekitzelten Stärken konnten größtenteils über die teils gravierenden Schwächen hinwegtäuschen. Eher schwache Spieler wurden monatelang von den überragenden Akteuren mitgezogen und überstrahlt.

Die Mittelfeldzentrale – Gladbachs größte Baustelle

Wenn es hinten wackeliger zugeht als üblich und der Zug nach vorne nicht wie gewohnt vorhanden ist, ist der Motor der Mannschaft gefragt – die Mittelfeldzentrale. Dass die Schaltzentrale in Mönchengladbach in dieser Saison meist zügig umgangen wurde, fällt den meisten Betrachtern wohl erst auf, seit das Spiel der Fohlen lahmt. Mönchengladbachs Mittelfeldzentrale existiert nicht. Zumindest im kreativen Sinne.

Die Spieleröffnung der Gladbacher Borussia beginnt in der weit vorgezogenen Innenverteidigung. Meist fungiert Dante als Initialzündung. Entweder mit langen Bällen oder durch geschickte Ballverteilung über die Außen. Havard Nordtveit und Roman Neustädter agieren nahezu einzig als Zerstörer und Schutzmechanismus der weit aufgerückten Viererkette.

Gegen Hannover 96 Rückfall in alte Zeiten

Im Spiel bei Hannover 96 zeigte die Mannschaft von Trainer Lucien Favre ein teils beängstigendes Bild. Dem regelmäßigen Betrachter begegnete wohl ein kleines Déjà-vu aus der Zeit vor dem Amtsantritt des Schweizers. In der Defensive ungewöhnlich wackelig, eine Masse an Fehlpässen und ein arg stockendes Aufbauspiel – einzig der Wert von gut 60 % Ballbesitz machten den Unterschied zu damals. Lucien Favre erklärte nach dem Spiel: „Wir hatten zu viele technische Defizite und Ballverluste“

Die Mannschaft scheint mental derzeit nicht bei 100 % zu sein - der Kopf ist nicht frei. (Fotos: jdp-fotos.com)

In den Reihen der Gladbacher gibt es derzeit einfach zu viele Protagonisten, die nicht auf demselben Niveau spielen, wie noch vor einigen Monaten. Marco Reus spielt eine ganze Klasse schwächer, wirkt nicht mehr so spritzig und gedankenschnell. Abwehrchef Dante scheint zudem der Luftschuss im Elfmeterschießen gegen die Bayern noch immer zu beschäftigen.

Er scheint mental seitdem völlig von der Rolle. Das Resultat daraus ist auf dem Rasen zu erkennen:  Bekam der VfL bis zum Spiel gegen Hoffenheim lediglich einmal mehr als einen Gegentreffer ( 2:2 im Hinspiel gegen Leverkusen ), musste Keeper Marc-André ter Stegen in den vergangenen beiden Partien jeweils zweimal hinter sich greifen. Beide Male sah Gladbachs Abwehrchef nicht gut aus. Das derzeitige Problem an zwei Spielern festzumachen, wäre jedoch vermessen. Namentlich erwähnen müsste man da schon nahezu die gesamte Startformation.

Den Blick nach hinten richten

Lucien Favre steht nun vor der wohl kompliziertesten Aufgabe seit dem Nichtabstieg. Er ist nun gefragt sein Team wieder aufzurichten: „Wir haben unglaublich viele Fehler gemacht und hatten viele Ballverluste. Das wurde in den letzten 30 Minuten deutlich. Die fehlenden 15 Prozent müssen wir schnell wieder finden. Wir dürfen jetzt aber nicht vergessen, wo wir herkommen und müssen weiter um jeden Punkt kämpfen.“ 

Die Suche nach den plötzlich verschwundenen 15 % sollte allerdings zügig vonstattengehen. Nur ein Sieg aus den vergangenen 6 Spielen sind ein klares Alarmzeichen – auch in puncto Europa-League-Qualifikation. Elf Punkte beträgt derzeit das Punktepolster auf Platz 8. Mit Leistungen wie in Hannover könnte es in den verbleibenden sechs Partien noch einmal eng werden.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 02. April
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