Lucien Favre und die Minuten 70 bis 88

Borussia Mönchengladbach gewinnt das Achtelfinalspiel gegen Schalke 04 verdient mit 3:1 und krönt damit die beste Hinrunde seit 35 Jahren. Einer ist jedoch nicht wirklich zufrieden. Lucien Favre, der Vater des Erfolgs, gibt in der ARD ein gleichwohl denkwürdiges wie sympathisches Interview …

„Spielerisch katastrophal und eine große Enttäuschung für mich“ – beschrieb Lucien Favre das Spiel seiner Mannschaft. Gemeint waren die Minuten 70 bis 88. Diese Aussage sorgte für verwirrte Gesichter. Sowohl Reinhold Beckmann als auch Mehmet Scholl zeigten sich regelrecht geschockt. Borussia spielt die beste Hinrunde seit 35 Jahren, spielt den FC Schalke 04 zeitweise mit tollem Fußball an die Wand und der Schweizer ist allen ernstes enttäuscht?

Borussias Trainer redete sich leicht in Rage und erklärte den Zuschauern am Fernseher, wie er diese Phase des Spiels erlebte. Gelitten habe er auf der Bank. Wie könne man nur so katastrophal stehen, wie könne man das Spiel nur so abgeben? Ein 2:2 hätte einen psychologischen Vorteil für Schalke bedeutet und eine ganze Hinrunde kaputtgemacht. Favre meinte das ernst, zeigte sich tatsächlich sehr enttäuscht von seiner Mannschaft.

So ist er. Dieser positiv verrückte Schweizer. Der Romand ist ein Perfektionist. Genau genommen ist er gar perfekter als perfekt. Diese schwachen Minuten des VFL sind für ihn bedeutender als die, auch in seinen Augen, perfekte erste Spielhälfte. „Defensiv war die erste Halbzeit perfekt von meiner Mannschaft“ – so der Trainer.

Dieses Interview, das neben einer Menge Fachwissen auch äußerst sympathisch war, zeigt weshalb die Borussia 2011/2012 so stark aufspielt und weshalb die Symbiose Favre/Borussia Mönchengladbach eine perfekte ist. Lucien Favre verbessert seine Spieler – an jedem Tag. Und wenn es der Schweizer schafft, seiner Truppe solch „katastrophale und enttäuschende“ Minuten auszutreiben, kann die Elf vom Niederrhein 2012 einiges erreichen.

Mehmet Scholls Antwort auf die Frage was die Borussia diese Saison erreichen kann, ließ Favre nur ungläubig und sein Gegenüber beinahe lächerlich machend lachen: „Die Borussia wird den jetzigen Platz halten. Vielleicht ist sogar noch etwas nach oben möglich“, sagte der ehemalige Dribbler des FC Bayern München. So ist er der Schweizer. Meister des Understatements und Meister seines Fachs. So lange Favre solche Phasen wie gestern derart anprangert, muss man sich um Borussia Mönchengladbach keinerlei Sorgen machen…

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 22. Dezember
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