Noch nicht reif genug: Borussia Mönchengladbach zahlt Lehrgeld und macht Lust auf mehr

Alles war angerichtet für einen großen Europapokalabend. Für jene Glanzmomente, von denen die jüngeren unter Gladbachs Anhängern nur von ihren Vätern gehört haben. Was sich bei Papa so anhörte, als würde Opa vom Krieg erzählen, war am Dienstagabend plötzlich wieder greifbar…

Der Borussia-Park im Flutlicht, das weite Rund durch eine Gänsehaut-Choreo in den Vereinsfarben gehüllt – man will die Raute durch Europa tragen. Dies darf man nach dem Spiel gegen Kiew nun wohl „nur“ in der Europa-League. Mit 1:3 verlor die Borussia ihr Heimspiel gegen den Rekordmeister aus der Ukraine.

Nicht etwa weil die Elf vom Niederrhein schlechten Fußball bot oder der Gegner sonderlich glänzte. Weitschuss, Standard, Eigentor – mit diesen drei Worten sind die Gründe für die Niederlage (beinahe) abgefrühstückt. Kiew war nicht zwingend besser. Die Ukrainer waren viel mehr abgebrühter.

Unnötige Ballverluste und fehlende Reife

Borussia Mönchengladbach spielte bis zum 1:1 teils hervorragenden Fußball, zeigte schöne Kombinationen und den nötigen Biss um diese schwere Hürde zu meistern. Mit dem ersten Gegentor, das völlig aus dem Nichts fiel, riss der rote Faden der Europa-Comebacker. Im Verlauf stand man sich schlicht und einfach selbst im Weg. Komplizierte Ballstafetten und viele einfache Ballverluste waren ein lähmendes Gift für das Kombinationsspiel des VfL.

Die Borussia ist noch nicht reif. Nicht reif für die Königsklasse. In der Europa-League scheint die Mannschaft von Lucien Favre wesentlich besser aufgehoben zu sein. Doch bis dahin wartet noch eine Menge Arbeit auf den Coach. Alleine bis zum ersten Bundesligaspiel gegen Hoffenheim am kommenden Samstag müssen noch einige Stellschrauben justiert werden.

Die defensive Abstimmung im Mittelfeld muss gefunden werden und die vielen gefährlichen und vor allem unnötigen Ballverluste abgestellt werden. Die Mischung der vergangenen Spielzeit ist aktuell noch nicht gefunden. „Ein Gegentor kannst du immer bekommen, da musst du dann einfach ruhig bleiben, dir die Möglichkeiten erarbeiten und Druck ausüben“, sagte Martin Stranzl und monierte: „Aber nicht gleich versuchen, jeden Ball nach vorne zu spielen.

Torhüter Marc-André ter Stegen war völlig bedient. „Wir sind gut ins Spiel gekommen, machen das 1:0 und wollen danach noch immer mehr. Das erste Gegentor war noch unglücklich. Das zweite Tor war dumm und das dritte völlig unnötig. So kann man nicht auftreten.“ Vor allem das 2:1 nach einem völlig blöden Ballverlust nagt an den Protagonisten. Lucien Favre analysierte derweil kurz und schmerzvoll: „Wir verlieren den Ball im Mittelfeld und dann ist keiner da, um der Abwehr zu helfen. Für Domínguez ist es dann im Eins-gegen-Eins schwer.“

De Camargo mit technischen Schwächen – de Jong ein Opfer des Systems?

Doch nicht nur das Defensivverhalten war an diesem Abend nicht ausreichend. Darüberhinaus fehlt es der Borussia nach wie vor an der Durchschlagskraft nach vorne. Igor de Camargo ist zwar fit wie nie, kann diese Tatsache jedoch nicht gewinnbringend auf den grünen Rasen projizieren. Der Belgier wirkt wie so oft im Dress des VfL fahrig und scheint ohne große Anbindung an die Mannschaft. Besonders prekär sind dabei die unverständlichen technischen Mängel des 29-jährigen, besonders bei der Ballannahme.

Auch sein Pendent und Rekordtransfer Luuk de Jong kommt aktuell aus verschiedenen Gründen (noch) nicht zur Entfaltung. Der Niederländer benötigt Zeit. Soviel war schon bei der Verpflichtung des Nationalspielers klar. Wichtig ist jedoch auch, das Spiel der Mannschaft auf den Stürmer zumindest ein wenig zuzuschneiden. Bei der aktuellen Spielweise der Borussia ist de Jong auf verlorenem Posten. Das 4-4-2 ist mit dem aktuellen Startpersonal überdenkenswert – der Niederländer und de Camargo sind zweifelsfrei zu ähnliche Spielertypen.

Borussia ist noch am Anfang der Entwicklung

Gladbach ist nach dem sportlichen Aderlass der Abgänge und der noch fehlenden Eingespieltheit ein Team in der Entwicklung. Dynamo Kiew kam demnach viel zu früh für die hochveranlagte Truppe. Es gilt, wie in der Vorsaison, von Spiel zu Spiel zu schauen. Samstag kommt Hoffenheim. Mittwoch geht es nach Kiew. Zeit dem Spielverlauf hinterher zu trauern gibt es also nicht.

Muss man auch nicht. Die Mannschaft von Lucien Favre hat sich in Europa zwar grün hinter den Ohren aber absolut würdevoll sowie hoffnungsvoll zurückgemeldet. Mike Hanke sagte dazu treffend: „Wir werden mit viel Spaß und viel Freude in die Bundesliga starten. Wir werden in ein bis zwei Tagen wieder aufstehen und dann geht es weiter.“

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 22. August
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