Pezzoni nur der Anfang: Mobbing, Gewalt und Drohungen – bis einer stirbt

Pyrotechnik hieß eigentlich das bislang brisanteste und sprichwörtlich heißeste Thema der Bundesliga in der Debatte rund um die sogenannte „Fangewalt“. Der DFB als auch die DFL machen gegen das Zündeln mobil und sperren die angeblichen Täter aus. Dass am Ende der Großteil der „friedlichen“ Fans draußen bleiben muss und der Mob weiterhin dabei ist, scheint entweder niemanden zu stören oder einfach nicht angekommen zu sein bei den Verantwortlichen. Haben DFB und DFL Scheuklappen vor den Augen? Es scheint so. Statt weiter den Dialog zu suchen, kaserniert man sich weiter ein…

Beide Verbände haben verdeutlicht, dass sie in Zukunft nicht mehr mit Fan-Vertretern über das schwelende Thema Pyrotechnik im Stadion reden werden. „Man muss sich von Themen wie Gewalt, Pyrotechnik und Diskriminierung distanzieren“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert kürzlich und ergänzte: „Über legitime und nachvollziehbare Wünsche werden wir mit allen Gruppen reden, aber nicht Pyrotechnik.“

Muss man auch nicht. Der Brand ist längst an anderer, viel gefährlicherer Stelle ausgebrochen. Und dagegen erscheint das Abbrennen eines Bengalos so harmlos wie das Anzünden einer Kerze im Advent. Angriffe auf Fangruppierungen und nicht zuletzt Fan-Busse gehören anscheinend mittlerweile zum „guten Ton“ einiger Gruppen. „Ja wir werfen Stein auf Stein auf die Elf vom Niederrhein“ – ein Schmähgesang, der den Weg in die Realität gefunden hat. Doch es geht noch schlimmer und noch abartiger. Das zeigen die jüngsten Entwicklungen in Köln.

Dort zieht man es vor einem 23-Jährigen vereinseigenen Spieler vor der Haustüre aufzulauern und ihn sowie dessen Lebensgefährtin auf äußerste zu beleidigen und zu bedrohen: „Komm raus, wir hauen Dir eine rein.“ Körperliche Gewalt gegen eigene Spieler – in Köln schreckt man vor nichts zurück. Musste vor einigen Monaten noch Michal Kadlec unter dem scheinbaren Selbsthass einiger „Weichhirne“ leiden, geht man nun auf die eigenen Spieler los.

Der Akteur zieht nun die Notbremse. Kevin Pezzoni flüchtet vor den eigenen „Fans“ und der Verein gibt sich damit zufrieden. Damit öffnet der Klub der Gewalt die Türe. Eine Türe, die ohnehin schon mehr als einen Spalt geöffnet war. Statt den eigenen Spieler zu schützen und ihm beizustehen nimmt man dessen Flucht billigend in Kauf. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Steine auf Fan-Busse, Aufruf zu Gewalt in sozialen Netzwerken, tatsächliche Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung – die Liste der Vergehen könnte beinahe beliebig erweitert werden. „Pogatetz, du Sohn einer Hure“, so herzlich wurde Emanuel Pogatetz von den „Fans“ aus Hannover begrüßt. Der Österreicher war nach zwei Jahren an der Leine im Sommer nach Wolfsburg gewechselt.

Derartige Beleidigungen sind in Fußballstadien seit Jahren leider gang und gäbe. Fußball ist nun mal der Spiegel der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die immer weiter verroht. Das Auflauern von Spielern aber ist eine neue, eine krankhafte Entwicklung im Fußball. „Vorfälle, wie wir sie jetzt leider im Umfeld des Fußballs diskutieren, sind das Werk einiger weniger Störer und Chaoten, die mit ihrem Verhalten den gesamten Verein und seine Fans in Verruf bringen“, sagte FC-Präsident Werner Spinner ziemlich hilflos.

Unfassbar: Kevin Pezzoni hatte nach dem letzten Spieltag der vergangenen Saison das Stadion im Kofferraum des Autos seiner Eltern verlassen. Alleine dies zeigt, unter welchem Druck der Spieler seit Monaten gestanden haben muss. Ein knappes Jahr zuvor plakatierten sogenannte „Fans“ den Trainingsplatz des Klubs mit dem Slogan: „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“. Es wird Zeit die Entwicklungen zu stoppen. Ansonsten findet auch dieser kranke Auswuchs menschlicher Hirnlosigkeit den Weg in die Realität.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 03. September
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