Von wegen „Zögerli“: Lucien Favre will keine Schokolade

Lucien Favre ist akribisch. Über alle Maße. Der Romand dürfte dabei in seiner täglichen Arbeit sogar präziser zu Werke gehen als ein Schweizer Uhrwerk. Auf dem Trainingsplatz des Borussia-Parks unterbricht er deshalb oftmals das Geschehen, um seinen Schützlingen detailgenaue Infos zu und Lösungsansätze zu geben. Nicht selten versammelt der 54-Jährige dabei seine Mannschaft vor einer Taktiktafel…

Das fliegende Klassenzimmer

Dort erweckt er schnöde taktische Malereien zum Leben. Eine herkömmliche weiße Tafel als 3-D-Wiese. Favre füllt sie mit Leben, zieht seine Spieler in den Bann. Nicht selten hat man als Betrachter den Eindruck, dass eine Gruppe Schuljungen gebannt den Ausführungen ihres Lehrers lauscht. Es dürfte der Gegenentwurf zur einst in die Öffentlichkeit gedrängte Rütli-Schule sein. Viel mehr ist es das fliegende Klassenzimmer.

Die Borussia ist hochgeflogen in der vergangenen Spielzeit. Überraschungsmannschaft. Platz 4. Champions-League-Qualifikation. Echte Überflieger halt. Und da man bekanntlich, wenn man hoch fliegt, auch tief fallen kann, muss die Gruppe erweitert werden. Marco Reus der Klassenstreber, Dante der strebsame Pausenclown und Roman Neustädter, der möglicherweise zu früh eine Klasse übersprungen hat – sie alle müssen ersetzt werden.

DVD-Abende mit Frau Chantale?!

Neue Spieler braucht der VfL also. Ein schwieriges Unterfangen glaubt man dem Image des Fußballlehrers. Ein „Zögerli“ sei er. Jemand der in seiner Akribie droht unterzugehen sei er – jemand, der vor lauter Wald den einen schönen Baum nicht sieht. Im Zuge der Kaderplanung soll Favre eine Spieler-DVD nach der anderen angesehen haben. Mit seiner Frau Chantale bei einem Gläschen Rotwein in der Heimat. Spieler-DVD statt Blockbuster. Rotwein statt Popcorn.

Lucien Favre ist sehr speziell. In seiner täglichen Arbeit. Im Umgang mit seinen Mitmenschen und auch im Planen seines Kaders. So speziell, dass ein gewisser Dieter Hoeneß einmal über ihn sagte: „Der würde im Supermarkt verhungern, weil er sich nicht zwischen Wurst und Käse entscheiden könnte.“ Zu Favres Zeit in Berlin lief nicht alles rund zwischen ihm und dem Bruder des großen Bayern-Machers.

Am Ende scheiterte diese „Ehe“ – neben den fehlenden finanziellen Mitteln wohl auch, weil sich beide in ihrer Denkweise bezüglich der Kaderplanung arg unterscheiden. „Hoeneß würde immer nur Schokolade kaufen. Hauptsache schön verpackt und teuer“, konterte der Schweizer die Stiche seines damaligen Chefs.

Frei nach Trude Herr: „Ich will keine Schokolade…“

Lucien Favre's Oben - das fliegende Klassenzimmer 2.0

Heute, einige Jahre später, zeigt sich, das Lucien Favre durchaus nicht verhungern würde. Mit Granit Xhaka, Peniel Mlapa, Branimir Hrgota und Alvaro Dominguez hat sich der Romand zeitnah für neues Personal entscheiden können.

Mit Wunschstürmer Luuk de Jong wird dieser Tage wohl gar eine weitere Delikatesse serviert. Zudem befindet sich das spanische Talent Ezequiel Calvente für zwei Tage im Probetraining des VfL. Mit Schokolade à la Hoeneß haben diese Protagonisten wenig zu tun. Eher sind sie wohl durchdacht, akribisch analysiert und nach dem Gusto des „Super-Hirnlis“.

Jung, technisch sowie taktisch bestens geschult, spielintelligent und polyvalent – Lucien Favre mag keine in Glanzpapier eingepackte Schokolade. Er setzt auf feine Delikatessen. Mit Max Eberl hat er dabei den perfekten Einkäufer für seinen Delikatessenladen an der Hand. Eberl und Favre sorgen gerade gemeinsam für echte Feinkost am Borussia-Park. In einigen Wochen werden die Beobachter sehen, wie fein diese tatsächlich ist. Bis dahin werden es noch einige Übungseinheiten auf dem grünen Rasen und an der Taktiktafel geben.

Das fliegende Klassenzimmer 2.0 oder Rütli-Schule? Die Chancen für eine Neuverfilmung stehen dabei gut. Immerhin steht jene besagte Schule in Berlin. Da wo es früher Schokolade gab.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 17. Juli
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