Ist die irre Aufholjagd gegen Hannover Gladbachs Wendepunkt?

Juan Arango begraben von seinen Mitspielern vor lauter Tor-Jubel

(Foto: imago)

Plötzlich war er begraben. Juan Arango, dieser introvertierte, geradezu verschlossen wirkende Venezolaner – begraben unter seinen jubelnden Kollegen. Gerade hatte der 32-Jährige die Gladbacher Borussia nach einem 0:2 Rückstand mit 3:2 in Front geschossen. Ach was – gezaubert. Bereits zuvor hatte der wohl beste Linksfuß der Liga seine Schlappen bei den beiden anderen Toren im Spiel.

Doch nicht nur Juan Arango glänzte an diesem winterlich anmutenden Herbstabend. Trotz der scheinbar klaren Führung von 2:0 hatte Hannover vor dem Tor der Gladbacher nicht allzu viel zu bestellen. Ganze dreimal schoss 96 bis zum Anschlusstreffer auf das von Marc-André ter Stegen, der beim 1:0 durch Jan Schlaudraff alles andere als gut aussah. Die Abwehr des VfL stand weitestgehend sattelfest – sieht man einmal von der Freistoßsituation zum 2:0 ab, als sich Brouwers, Dominguez und Co. bei einer ebenso sehenswerten wie kreativen Freistoßlösung der Niedersachsen ziemlich naiv anstellten.

Spanischer Anführer

Apropos Dominguez. Der spanische Neuzugang zeigte eine völlig ungeahnte Qualität an diesem Abend in der AWD-Arena. Er war aus der Abwehr heraus, neben dem im Mittelfeld eher im Hintergrund agierenden Havard Nordtveit, der unermüdliche Antreiber im Spiel seiner Mannschaft. Beim Stand von 0:2 aufstecken oder gar, wie zuvor bei den Gastspielen in Dortmund (0:5) und Bremen (0:4) geschehen, auseinanderfallen? Nicht mit Dominguez. Der junge Spanier nahm auffallend aktiv das Heft seiner Mannschaft in die Hand.

Der Lohn seiner Mühen: Der 1:2 Ausgleichstreffer in der 70. Spielminute – jenem Treffer, der eine sensationelle Aufholjagd zufolge hatte. Freistoß Arango, Kopfballtreffer Brouwers, der sein 100. Bundesligaspiel so mit einem wichtigen Treffer krönte. Der Rest der Geschichte ist einfach legendär. Zauberfuß Arango, dieser Fuchs, dieser Tor des Spieltags-Sammler, zirkelte den Ball am linken Pfosten und dem auf eine Freistoßflanke eingestellten Ron-Robert Zieler vorbei ins Tor. Weltklasse, schlitzohrig und einfach zauberhaft – der Hurrikan der Karibik hat einmal mehr zugeschlagen. „Das war kein Zufall, Arango denkt sich was dabei“, versuchte Thorben Marx diesen Treffer relativ defensiv in Worte zu fassen. Der Österreicher Martin Stranzl fand dann schließlich die passenden Worte und traf die Sache auf den Punkt: „Das war Arangos Genialität.“

Der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft

Dieses 3:2 nach einem 0:2-Rückstand, aufgeholt binnen neun Minuten zeigt wieder einmal die „Brutalität“ und die Schnelllebigkeit des Fußballs. Was letzte Woche noch schlecht war, ist plötzlich gut. Auf das katastrophale Spiel in Bremen, als man der Borussia ausdrücklich schwierige sowie ungemütliche Wochen prognostizieren konnte, folgten zwei Siege, die man so nicht einplanen konnte. Donnerstag ein Kollektiv-Sieg gegen Marseille, Sonntag die Aufholjagd in Hannover – am Mittwoch wartet mit Fortuna Düsseldorf ein eminent wichtiges Nachbarschaftsduell in Düsseldorf, ehe am kommenden Samstag der SC Freiburg zu Gast im Borussia-Park ist.

Aus dunklen Prophezeiungen werden plötzlich Chancen. Gegen die Kicker aus dem Breisgau kann die Mannschaft von Trainer Lucien Favre tatsächlich wieder den Anschluss an obere Tabellenregionen herstellen. Der sagte nach dem Spiel sichtlich euphorisiert: „Ein Sieg in Hannover gibt Vertrauen“, und ergänzte: „Dieses 3:2 ist enorm wichtig.“

Hannover als Wendepunkt?

In der Tat könnte der Abend in Hannover, neben den eingefahrenen drei Punkten, eine enorme Wichtigkeit haben. Der berühmte Bock – er könnte tatsächlich umgestoßen worden sein. Die kommenden Wochen, in denen nüchtern betrachtet einige machbare Aufgaben auf die Borussen warten, werden Aufschluss darüber geben, wo die Schützlinge von Lucien Favre wirklich stehen. Der Sieg an der Leine ist möglicherweise der Anfang einer neuen, einer starken Phase der neuformierten Borussia. So ist der Fußball. Schnelllebig. Was gestern schlecht war, ist heute gut. Für Gladbach gilt aktuell letzteres.

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veröffentlicht von Björn Brodermanns am 29. Oktober
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